Mittwoch, 3. Dezember 2008

Harry´s New York Bar Paris (Reminiszenz glorreicher Tage)

Niemand hätte im Jahr 1911 gedacht, daß der leere Erdgeschoßraum einer kleiner Pariser Seitenstrasse, den niemand mieten wollte, zu Weltruhm gelangen würde. Und daß eigentlich ein Pferd daran schuld war, wenn überhaupt jemand auf die Idee gekommen ist, dort eine Bar zu eröffnen.
An einem Sonntag im Mai 1911 lief nämlich für den Altjockey Tod Sloane das dritte Rennen auf katastrophale Weise ab, obwohl er dabei auch dieses Jahr wieder den Grand Prix de Longchamp gewann. Sloan hatte es nicht mehr geschafft, Mexically Rose mit Vorprung durchs Ziel zu bringen und war diesmal Kopf an Kopf mit einem jungen Außenseiter über die Linie gekommen. Damals gab es noch keine Zielfotos und es dauerte lange Minuten, bis die Jury zu einem Entschluß kam und die aufgebrachte Menge den Sieger erfuhr. Eigentlich hätte Tod Sloane froh sein müssen, daß man ihm, dem weltbekannten Jockey und dem Favoriten Mexically Rose den Preis zuerkannte. Aber er wußte nur zu gut:...der junge Außenseiter war eine Handbreit vor ihm durchs Ziel gegangen!
Sloane überlegte, ob er den Preis zurückgeben sollte. aber damit hätte er nur die Rennleitung lächerlich gemacht. Also verdrückte er sich so rasch wie möglich aus den Boxen. Er begab sich auch nicht zur Hypodrom Bar an den Champs Elysées, wie sonst nach jedem Rennen. Der junge Jockey, den man um den Sieg betrogen hatte, würde schon dafür sorgen, daß die Nachricht vom Skandal des Jahres in Windeseile das Lokal der Turfwelt erreichte, und Tod Sloane verspürte wenig Lust, sich dem Getuschel und spöttischem Lächeln seiner Neider auszusetzen. Er konnte sich noch sehr gut an das Spießrutenlaufen erinnern, als ihm 1906 für kurze Zeit die Jockey Genehmigung entzogen worden war. So zog er es vor, neben dem Moulin Rouge von einem Tischchen der Brasserie Graff aus das bunte Straßentreiben zu beobachten, um nicht über seine Lage nachdenken zu müssen. Hier am Montmartre war er schon lange nicht mehr gewesen und weniger bekannt.
Paris befand sich an jenen Tagen im technischen Umbruch und bot ein skurriles Straßenbild. Man sah in Wespentaille geschnürte Damen mit ausladenden Tüllhüten auf ihrem Hochrad dahertreten. Eine Gruppe von Gentleman Reitern wich einem Automobil aus, das den Geist aufgegeben hatte und von einem Chaffeur in grünen Gamaschen und lederner Fliegermütze mit hartnäckiger Ausdauer angekurbelt wurde. Eine sechsspännige Kutsche fuhr vorüber, in der eine fröhliche Gesellschaft Champagnergläser zum Toast erhob. Und zwanzig Meter unter all diesem veralteten Verkehrsgerümpel donnerte bereits seit einem Jahrzehnt die supermodernste U-Bahn der Welt. Es ist heute nur schwer nachzuvollziehen, daß Leute wie Claude Monet oder Auguste Renoir schon U-Bahn gefahren sind.
Tod Sloane wurde bald wieder an sein Mißgeschick erinnert, weil ein Amerikaner, den er flüchtig kannte, an seinem Tisch Platz nahm und ihn fragte, wie es ihm gehe. Der Jockey schüttete dem Amerikaner sein Herz aus und meinte, im Prinzip sei es überhaupt an der Zeit, daß er von der Turfszene abtrete. Er habe lang genug von Mineralwasser und Salat gelebt, während sich der Rest der Welt ein herzhaftes Sauté de Lapin oder einen saftigen Gigot d´Agneau schmecken ließ. Außerdem sei er durch seine Sparsamkeit zu einem schönen Stück Geld gekommen und habe schon mehrmals mit dem Gedanken gespielt, eine Bar zu eröffnen.
Der Amerikaner, ein gewisser Clancey, erklärte, es sei eigenartig. Ihm wäre nämlich der gleiche Gedanke durch den Kopf gegangen. Er habe die Nase voll von New York gehabt und sei nach Paris gekommen, um eine Bar aufzumachen. Er hätte nur nach einem Teilhaber gesucht, weil das Nachtgeschäft allein zu anstrengend sei.
So kam es, daß sich die zwei zusammentaten, auf die Suche nach einem Lokal machten und schließlich jenen Erdgeschoßraum der Hausnummer 5 in der Rue Daunou mieteten. 

Teil 2 folgt in Kürze.....
Copyright by Simon Schott (Pianist Vier Jahreszeiten Kempinski München)

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